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NUTZEN WER SPIELT, SÜNDIGT NICHT Wer spielt, BILD: BERNIE_PHOTO – ISTOCKPHOTO.COM sündigt nicht 8 // 02/2019

NUTZEN WER SPIELT, SÜNDIGT NICHT Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Friedrich Schiller Sein Puls geht hoch, der Kiefer malmt, ihm wird heiß. Hochleistungssport? Alpine Kletterei? Mitnichten. Der Mann sitzt wie festgeklebt an einem Tisch. Ihm gegenüber zwei Typen, in ähnlicher Verfassung. Eine Pokerrunde – also nichts als ein Kartenspiel. Stress durch Spielen? Ursachen für Stress gibt es zahlreiche. Auslöser sind zum Beispiel ein Vortrag, ein sportlicher Wettkampf, eine Achterbahnfahrt – oder eben das Zocken! Manche lieben die Anspannung, brauchen sie sogar, andere macht sie fertig. Letztere würden mit den Karten eher eine Patience legen, eins der beliebtesten Spiele überhaupt und ungemein beruhigend. Doch in beiden Fällen, je nachdem zu welchem Schlag Mensch man gehört, bedient das Spielen instinkthafte Bedürfnisse. Jedem Kind sind Neugier und die Lust zum Spielen angeboren. Entwicklungspsychologisch gelten sie als die Haupttriebkräfte der Persönlichkeitsbildung, der späteren Sozialisation des Menschen und seiner Vorbereitung auf die Lebensaufgaben als Erwachsener. Die Schule kommt diesem Spielwillen der Kinder aber leider nicht nach. Im Prinzip trainiert sie den Kleinen die angeborene Neugierde sogar Jahr für Jahr ab. Und auch Eltern neigen immer wieder dazu, ihren Nachwuchs stets „sinnvoll“ zu beschäftigen. Durchgetaktete Freizeitprogramme machen (scheinbar) nutzlosen Beschäftigungen, planlos verspielten Nachmittagen oder gar der Langeweile den Garaus. Wer dies jedoch allein dem aktuellen Trend zur Zeitoptimierung zuschreibt, greift zu kurz. Denn Spiel und Müßiggang wurden uns bereits vor 500 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes weggepredigt. „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“, donnerte Luther von der Kanzel, und der Arbeitsfanatiker Calvin rief: „Lebt bescheiden, meidet Rausch, Tanz und Spiel. Das sind die Versuchungen des Teufels." Gott sei Dank waren Schiller und Nietzsche 200 Jahre später bereits weiter. Sie wussten, dass „die Diktatur der Vernunft den Menschen seiner Natur beraubt“ und verteidigten den „Hang zur Freude“. Mittlerweile belegen dies auch Studien: Die Evolution hat spielerisches Verhalten über Tausende von Jahren gefördert und bis heute erhalten. Deshalb spielen wir ungebrochen leidenschaftlich Mensch ärgere Dich nicht, Monopoly, Siedler von Catan, Skat, Uno oder Rommee, lösen Kreuzworträtsel und Sudoku oder kritzeln Malbücher voll. Ein Hoch auf diejenigen, die das alles drucken! » 02/2019 // 9